Robindro Ullah klSuche nach Fachkräften: BusinessForum widmet sich in Bad Mergentheim erneut einem zukunftsweisenden Thema.

Noch bis vor kurzem konnten Unternehmen ihre Top-Kandidaten aus einem großen Pool an Bewerbern fischen, doch die "Machtverhältnisse" am Arbeitsmarkt haben sich gewandelt. Qualifizierte Fach- und Führungskräfte suchen sich ihren Arbeitgeber heute gemäß ihrer individuellen Wünsche aus. Wie es Unternehmen dennoch gelingt, die begehrten Talente zu sichern, erklärt Buchautor und Experte Robindro Ullah.

Kaum ein Schlagwort ist in der Debatte rund um die Personalbeschaffung derzeit so omnipräsent wie das Thema Candidate Experience. Was sich genau dahinter verbirgt erklärt Experte Robindro Ullah beim BusinessForum in Bad Mergentheim, am Mittwoch, 9. März, um 18.30 Uhr, in die Räumlichkeiten der Dualen Hochschule Baden-Württemberg im Schloss Bad Mergentheim.

REGIOBUSINESS Warum sollten sich Personaler gerade jetzt intensiv mit der Meinung eines Bewerbers über den Bewerbungsprozess auseinandersetzen?

ROBINDRO ULLAH Ein wesentlicher Punkt, weswegen dies an Bedeutung gewinnt, ist der immer enger werdende Arbeitsmarkt. Daraus hat sich ein neues Verständnis des Bewerbungsprozesses entwickelt. Der Job wird zu einer Art Produkt, welches man vermarktet, und der Bewerber wird zum Käufer - also Kunden. Hätte man sich früher noch aus Gründen der Fairness oder ähnlichen Motiven für die Meinung des Bewerbers interessieren müssen, haben Unternehmen heute tatsächlich nicht mehr die Wahl. Was man darüber hinaus nicht vergessen darf, ist, dass schlechte Bewerbungsprozesse nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden können. Wir leben in einer Welt mit einer ganz neuen Transparenz, die eben auch hier extreme Spuren hinterlässt.

REGIOBUSINESS Sie wurden mehrfach für innovative Personalmarketing-Konzepte ausgezeichnet. Muss die Personalarbeit heute mehr Abstand von den klassischen, gelernten Prozessen und Strukturen bekommen, um zukunftsfähig zu werden?

ROBINDRO ULLAH Die Frage, die man sich als erstes stellen muss, lautet: Verändert sich die Welt? Wenn man hier zu einem "Ja" kommt, dann wird man die Frage nach der Geschwindigkeit, in der diese Veränderung stattfindet, mit exponentiell wachsend beschreiben. HR ist kein Selbstzweck. Wir sind eine Servicefunktion, deren Kunden sich verändern. Die Bedürfnisse verändern sich sowie die technischen Möglichkeiten. Passt sich die Personalarbeit nicht an oder geht gewisse Entwicklungsschritte nicht mit, wird salopp gesagt unser Produkt "HR Arbeit" nicht mehr wettbewerbsfähig sein und sicherlich irgendwann ersetzt werden. Durch was? Durch Software. Ich glaube, wir sollten nicht alles stehen und liegen lassen und jedem Hype nacheifern. Aber wir müssen stets unsere Produkte hinterfragen und deutlich "digitalisierter" werden.

REGIOBUSINESS Für wie groß halten Sie den Entwicklungsbedarf bezüglich der Cadidate Experience im deutschen Mittelstand?

ROBINDRO ULLAH Im vergangenen Jahr habe ich ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "Erfolgsfaktor Candidate Experience". Dabei ging es vor allem darum einen Perspektivenwechsel durchzuführen. Das Bild, welches wir dabei bekommen haben, war erschreckend. Der Verbesserungsbedarf in Deutschland ist enorm. Die Interviews haben gezeigt, dass auch Positivbeispiele existieren, es letztlich bei vielen Unternehmen aber schon an den Basics fehlt. Immer wieder wurde berichtet, dass sowohl Personaler als auch Fachbereiche sich erst im Interview mit den Unterlagen des Kandidaten beschäftigten. Wir reden hier also noch nicht einmal von technisch modernisierten Karriereseiten und Bewerbungsprozessen.

REGIOBUSINESS Welche Potenziale sehen Sie im Wandel vom klassischen Recruiting hin zur Candidate Experience?

ROBINDRO ULLAH Candidate Experience ist letztlich ein Synonym für eine Entwicklung, die zwangsweise vollzogen werden wird. Wir bewegen uns vom Bewerber zum Kandidaten (=Kunden). Das Potential, welches in dieser Erkenntnis steckt, kann meiner Meinung nach helfen, bessere Kandidaten zu rekrutieren - besser passende Kandidaten. Aber ebenso ist die Frühfluktuation betroffen oder aber auch die Absprungrate im Prozess. Das Thema Candidate Experience berührt sehr viele Stellhebel, die in Summe großes Potential versprechen.

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Candidate Experience

Ursprünglich aus dem Kundenmarketing stammend, beschäftigt sich Candidate Experience mit allen Wahrnehmungen und Erfahrungen, welche ein Bewerber und dann frischer Mitarbeiter mit dem Unternehmen sammelt. Der Kandidat wird wie "König Kunde" behandelt: Von der Stellenanzeige, über die Kommunikation bis hin zum Einstellungsverfahren. Je positiver die Bewerber das Auswahlverfahren bewerten, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, den gewünschten Kandidaten zu gewinnen. Dies kann sogar dazu führen, dass selbst abgelehnte Bewerber das Unternehmen als Arbeitgeber weiterempfehlen.







Quelle: http://www.swp.de/regiobusiness/magazin/unternehmen/art1164027,3667397