BUSINESS-FORUM IN BAD MERGENTHEIM: „Candidate Experience“ war das große Thema

„Es sind oft die kleinen Dinge“, die zählen


FNWebBAD MERGENTHEIM. Mit welchem Gefühl geht ein Bewerber aus einem Vorstellungsgespräch? Und was bedeutet sein Eindruck für die Zukunft des Unternehmens? Jeder Jobanwärter trägt seine Erfahrung auch nach außen.
"Ich muss mir einfach einmal Gedanken darüber machen, welche Erfahrungen ein Bewerber in meinem Unternehmen während des Bewerbungsprozesses macht", sagt Robindro Ullah. Der Employer-Branding-Experte war bei der 15. Auflage des Business-Forums, das das Wirtschaftsmagazin "RegioBusiness" gemeinsam mit dem Personaldienstleister Bera und der Sparkasse veranstaltet hat, als Experte geladen.
Der Eindruck, den ein Unternehmen auf einen Bewerber macht, wird in Zeiten des Fachkräftemangels immer bedeutender. Genau zu diesem Thema hat Ullah ein Buch geschrieben. Dafür hat er sich mit zehn Personen über Bewerbungsgespräche unterhalten - aus unterschiedlichsten Branche und Ländern. "Es gab da die kuriosesten Erfahrungen", erklärt er. "Ein Bewerber hat zum Beispiel erzählt, dass der erste Eindruck bei seinem Vorstellungsgespräch eigentlich ganz gut war. Er wurde höflich hereingebeten und ihm wurde auch etwas zu trinken angeboten", erzählt Ullah. Der Haken: An dem Glas waren noch Überreste von Lippenstift. "Es sind wirklich oft die kleinen Dinge, Banalitäten, die einen Bewerber abspringen lassen. Denn gerade diese sagen viel über die Kultur im Unternehmen aus", weiß er.


Und die Unternehmenskultur, der Umgang miteinander, der Respekt, seien die entscheidenden Faktoren, die einen Bewerber an ein Unternehmen binden. "Natürlich ist es wichtig, dass die anderen Faktoren wie Prozesszeiten, Technik, oder auch so genannte Hygienefaktoren wie zum Beispiel Work-Life-Balance, stimmen. Noch wichtiger ist es dem Bewerber aber, dass er zum Unternehmen passt - besser gesagt, das Unternehmen zu ihm", sagt der Experte.
Hier sei Transparenz das entscheidende Stichwort. "Ein Unternehmen muss schon während des Bewerbungsprozesses sein Image nach außen transportieren", sagt Ullah. So könne es beispielsweise nicht sein, dass eine Firma, die hohen Wert auf Schnelligkeit und Pünktlichkeit legt, den Bewerber monatelang auf eine Antwort warten lässt und dann der Personaler möglicherweise auch noch unvorbereitet und zu spät zum Vorstellungsgespräch erscheint.

"Diese Erfahrungen trägt der Bewerber nach außen. Das Bild, das er von der Firma hat, streut sich. Er erzählt seiner Familie, seinen Freunden, davon." Schon da sollten Unternehmen ansetzen und an sich arbeiten. Denn es heißt letztendlich nicht mehr nur für den Arbeitssuchenden: Der erste Eindruck zählt.
"Ich war eigentlich immer der Ansicht, dass schon allein der gesunde Menschenverstand und eine gute Kinderstube ausreichen sollten, um diese Kriterien zu erfüllen", ist der Vorsitzende der Sparkasse Tauberfranken Peter Vogel von Ullahs Vortrag überrascht.

"Aber so wie es aussieht, ist hier in vielen Unternehmen Nachbesserungsbedarf." Corinna Heiden

© Fränkische Nachrichten, Montag, 14.03.2016